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Kritik: La Mue/tte - "Les Folles"

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Das französisch-argentinische Theaterensemble „La Mue/tte“ berührt mit seinem Stück „Les Folles" Geschichtsbegeisterte ebenso wie Kunstinteressierte, auf eine non-verbale, aber immer noch intensive, ausdrucksstarke Weise.

Give us our children back; dead or alive – Sätze, die eine Mutter niemals sagen wollen würde. Nur war dies die traurige Wahrheit argentinischer Mütter, die unter der argentinischen Militärdiktatur von 1976-1983 lebten. Insgesamt 30.000 Kinder verschwanden. Es waren die Kinder politischer Gegner der damaligen Diktatur. Schwangeren Frauen im Gefängnis wurden die Neugeborenen weggenommen und an Menschen, die die Regierung befürworteten, zur Adoption freigegeben.

Die Madres de Plaza de Mayo waren die Mütter dieser gefangenen Frauen. Sie nutzten die Unterschätzung von Seiten der machthabenden Autoritätspersonen, die die Frauen aufgrund ihres Alters und Geschlechts nicht als Gefahr ansahen und deshalb nicht festnahmen. Sie versammelten sich jede Woche auf dem Plaza de Mayo in Buenos Aires und protestierten, dabei trugen sie bestickte Kopftücher. Ihr Demonstrieren finde ich besonders bemerkenswert, da sie noch nicht einmal zu der sich emanzipierenden Generation der 70er gehör(t)en und meist einfache Hausfrauen waren. Sie setzten jedoch durch ihre Stärke und den Widerstand, was sie nach außen zeigten, und vor allem durch ihren Zusammenhalt, ein Zeichen gegen die Diktatur und für ihre Rechte und trotzten im Grunde jeglichen Klischees.

Die Aufführung ist in 3 Teile geteilt. Im ersten Teil ist nur die Schauspielerin Delphine Bardot auf der Bühne zu sehen. Das Bühnenbild ist recht simpel, aber dennoch ausdrucksstark. Ein Tisch mit einem Radio. Eine Nähmaschine und ein Plattenspieler auf einem zweiten Tisch. Ein Vorhang wird vielseitig als Hintergrund oder Projektionsfläche benutzt. Man sieht eine Frau, die an einem Tisch sitzt und ein Portrait einer Person stickt. Auf dem von hinten beleuchteten, bestickten Stoff entstehen allmählich verschiedene Gesichtszüge. Später sitzt sie auf einem Schaukelstuhl und hält einen mit einem Polster versehenen Stickrahmen an sich, was vermuten lässt, dass sie schwanger ist. Plötzlich zieht sie ein besticktes Kopftuch an und der Raum wird dunkel. Es werden die Schatten gestickter Portraits verschiedener Menschen auf den Vorhang projiziert.

as Theaterstück wird einmal von einer Ausstellung außerhalb des Zuschauerraumes unterbrochen. In der Ausstellung werden den Besuchenden Hintergrundinformationen nähergebracht, um die Aufführung und vor allem den darauffolgenden zweiten Teil des Theaterstücks durch geschichtlichen Kontext zu veranschaulichen. Gezeigt werden historische und eher aktuelle Fotos der Demonstrationen der Madres de Plaza de Mayo, zusammen mit englischsprachigem Text. Außerdem werden verschiedene Bücher mit Comicstrips oder Fotografien gezeigt, die sich mit dem Thema auseinandersetzen. Als eine Art Überleitung zwischen Theaterstück und Ausstellung dient ein Film, der stickende Frauen und liebevoll, bis ins Detail gestaltete Marionetten zeigt, die ebenfalls in der Ausstellung zu sehen sind.

Im zweiten Teil des Theaterstückes liegt der Fokus eher auf den geschichtlichen Fakten und der politischen Situation Argentiniens der 1970er Jahren. Der Hauptdarsteller Santiago Moreno spielt hier eine Nebenrolle. In den Vordergrund werden historische und zeitgenössische Aufnahmen der Madres de Plaza de Mayo gerückt.

Die Musikwahl ist im zweiten Teil ebenso divers wie im ersten Teil: von sehr dezenter elektronischer Musik bis hin zu entspannten Gitarren. Gelegentlich ertönt auch gefühlvoller traditioneller Tango.

Vorwissen zur behandelten Thematik wäre meiner Meinung nach, trotz der Ausstellung zum Thema, empfehlenswert, um sich komplett auf dieses emotional mitreißende Stück konzentrieren zu können. „Les Folles“ ist eine ausdrucksvolle, berührende Inszenierung einer düsteren Zeit, deren Folgen bis heute anhalten und deshalb nicht vergessen werden sollten.

Von Armin Bina Khahi, Willstätter Gymnasium Nürnberg