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GOSTER:

An das letzte Schuljahr erinnern sich die Schüler der Klasse 6a der Ossietzkyschule so richtig gern. Wie war das mit dem Kulturrucksack? Was habt ihr da alles gemacht? Die Arme schnellen in die Höhe, fast alle melden sich, wollen etwas erzählen. Die Augen glänzen. "Ich fand den Prometheus gut", sagt Daniel. "Wir haben Bilder mit Spachteltechnik gemalt", hebt April vor. "Wir haben mit einem Autor ein Gedicht geschrieben.", fügt Christian hinzu. "Ein echter Schauspieler war neben mir gesessen", zeigt sich Leon beeindruckt. "Mir hat das Tanztheater gefallen", ergänzt Christoph. "Und toll war, dass dort Kinder mitmachen durften."

Auch Lehrerin Kerstin Seefried ist nachhaltig beeindruckt. "Ich war überrascht, dass den Kindern Kultur so viel Spaß macht", sagt sie. Ihre Kollegin Johanna Fischer macht soeben die gleiche Erfahrung: Ihre achte Klasse nimmt, ebenso wie zwei neunte Klassen, in diesem Schuljahr am Kulturrucksack teil. Das heißt, die Schüler erleben vier Veranstaltungen aus verschiedenen künstlerischen Bereichen, von der Theateraufführung bis hin zur Schreibwerkstatt und dazu jeweils pädagogisches Begleitprogramm. Für die insgesamt acht Einheiten zahlen sie jeweils einen Euro, "Das haben sie sofort bezahlt, während ich ihnen sonst wegen allem hinterherrenne", sagt Johanna Fischer. Diese Bereitschaft zu zahlen ist in den Augen der Lehrerin ein Gradmesser für das Interesse der Schüler an dem kulturellen Angebot. Und das, obwohl sie andererseits feststellt: "Gerade unsere Schüler sind ja kulturfern."

Umso wertvoller sei der Kulturrucksack, betont sie. Doch dieser ist in Gefahr. Wie immer geht es ums Geld. Das Gostner Hoftheater, das den Kulturrucksack für Hauptschulen bzw. Mittelschulen organisiert, ist auf der Suche nach Sponsoren, nachdem ein privater Förderer ausgestiegen ist. Denn klar ist auch, dass der Beitrag von acht Euro pro Schüler nur ein symbolischer Beitrag ist - ein Ausdruck der Wertschätzung, ein wichtiger Akt der Beteiligung. Aber kein nennenswerter Akt zur Kostentilgung. Mindestens 10.000,- Euro zusätzlich zum vorhandenen Grundstock seien nötig, um das Projekt für zehn Klassen -also 200 bis 250 Schüler -abzusichern, sagt Gisela Hoffmann vom Gostner Hoftheater. "Wir haben jetzt ein Fundament und hoffen, dass die Finanzierung gesichert ist", zeigt sie sich zuversichtlich. "Wir wollen natürlich weitermachen. Das Projekt hat sich als sehr sinnvoll erwiesen und wurde von den Schulen sehr gut angenommen."

Den Kulturrucksack für Hauptschulen gibt es jetzt im zweiten Schuljahr. Ein Jahr länger gibt es den Kulturrucksack für Grundschulen, den das Kindertheater Mummpitz ins Leben gerufen hat und der inzwischen ein Viertel aller Nürnberger Drittklässler -1000 Schüler aus zwölf Schulen - erreicht. Andrea Maria Erl, künstlerische Leiterin von Mummpitz, hat sich für das Konzept in Norwegen inspirieren lassen. Ihr geht es darum, Kinder aus Stadtgebieten, die geprägt sind von Arbeitslosigkeit und sozialen Problemen, mit verschiedenen kulturellen Einrichtungen vertraut zu machen. Auch bei Mummpitz bangt man jedes Jahr um die Finanzierung. Das langfristige Ziel ist, das Projekt flächendeckend für alle Nürnberger Drittklässler anzubieten.

Uli Glaser, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Sozialreferat der Stadt Nürnberg, sagt: "Wir unterstützen die Projekte inhaltlich sehr und helfen bei der Suche nach Sponsoren." Das Kulturreferat hat bisher den Kulturrucksack für Grundschulen in geringem Umfang finanziell unterstützt, jetzt stellte auch das Gostner Hoftheater für den Kulturrucksack für Hauptschulen einen Antrag auf finanzielle Unterstützung. Über beides wird erst noch entschieden. "Über die Zukunft kann ich noch nichts sagen", sagt Sachbearbeitering Petra Kittler. Noch bevor man im April letzten Jahres mit der Umsetzung des Bildungs- und Teilhabepakets begann, hatte die Stadt Nürnberg im Rahmen einer Repräsentativbefragung eine bundesweit einmalige Studie zur Kulturnutzung von Kindern erstellt. Eines der Ergebnisse: Ob Kinder kulturelle Angebote nutzen, ist stark abhängig vom Elternhaus. Eltern mit niedrigem Einkommen gehen zum Beispiel seltener mit ihren Kindern ins Theater als Eltern mit gehobenen Einkommen. Andererseits: Auch Eltern mit niedrigem Einkommen finden Angebote aus Kultur und kultureller Bildung wichtig für ihre Kinder.

"Es ist wichtig, dass die Kinder mit Kultur in Berührung kommen und verschiedene Einrichtungen kennenlernen, damit sie später mal selbst auswählen können", findet Gisela Hoffman. Insofern sei das Modell des Kulturrucksacks, in den Unterschiedliches hineingepackt ist, sehr wertvoll. Und letztlich gehe es auch gar nicht nur darum, das Interesse der Kinder zu wecken. Es könne noch ganz Anderes erreicht werden: Zum Beispiel, dass Schüler sich viel mehr zutrauen. Wie in der Ossietzkyschule.

Die Theaterpädagogin Nathalie Reinecke vom Gostner Hoftheater bereitet die Schüler aus Johanna Fischers Klasse auf einen Besuch des Tanztheaterstücks "Draußen vor der Tür" vor. Wie setzt ein Schauspieler Themen um wie Mobbing, Einsamkeit, Ertrinken? Am Ende spielen die Schüler kleine Szenen, die sie sich selbst ausgedacht haben. "Lasst euch einfach darauf ein", sagt Nathalie Reinecke. Und sie sagt auch: "Es gibt nichts, das richtig oder falsch ist im Theater. So wie ihr es versteht, ist es richtig." "Wenn Lehrer hinter einer Sache stehen, sind die Schüler zu begeistern", ist Gisela Hoffmanns Beobachtung . So wie bei Katharina Hütterer. Sie ist ebenfalls Lehrerin an der Ossietzkyschule und hat dort die Aufgabe des Theaterwarts übernommen. Sie ist selbst leidenschaftliche Theaterbesucherin und Kulturinteressierte - und sie hat den Kulturrucksack an die Schule gebracht. Kultur für Hauptschüler - Theater zum Beispiel: Wie passt das zusammen? Katharina Hütterer gibt sich keinen Illusionen hin. "Freiwillig geht man als Schüler nicht ins Theater", sagt sie nüchtern. Theater sei in den Augen von Jugendlichen "etwas für alte Leute.".

Trotzdem kann Katharina Hütterer eine positive Bilanz ziehen. Denn wenn sie - was immer wieder mal geschieht - bei ihren Schülern fragt, wer mit ihr ins Theater gehen will, melden sich viele. Dabei muss erwähnt bleiben, dass solche Theaterbesuche in der Freizeit stattfinden - die Teilnahme also freiwillig ist. Die positiven Auswirkungen solcher Ausflüge ins Theater? Katharina Hütterer beginnt aufzuzählen: "Da kommen die Jugendlichen in eine andere Welt und lernen, sich darin zu bewegen; sie ziehen sich anders an; sie benehmen sich anders als im Alltag. Das alles hat etwas mit Erziehung zu tun." Speziell für den Kulturrucksack mit seinen Vor- und Nachbereitungskursen sagt sie: "Die Schüler lernen vieles, das wieder zurück auf die Schule wirkt." Zum Beispiel, sich zu konzentrieren und auf eine Sache einzulassen. Das käme ihnen bei Referaten und der Vorbereitung von Präsentationen zugute.

Überhaupt findet die engagierte Lehrerin, dass Hauptschüler normalerweise unterschätzt werden. Erst bekämen sie das Gefühl vermittelt, dass sie "die Auslese" seien, dann sei es kein Wunder, wenn sie sich entsprechend präsentierten. Doch sie könnten durchaus zeigen, was in ihnen steckt. "Man muss sie aufbauen und ihnen das Gefühl geben' ihr seid auch jemand´", bekräftigt die Lehrerin. Erfolgreiche Schülerbiographien bewiesen, dass dies der richtige Weg sei. Der Kulturrucksack trage seinen Teil dazu bei, ist Katharina Hütterer überzeugt: "Der Wert, der wieder zurückfließt, ist viel größer als der Einsatz, der geleistet werden muss." "Darf Kultur nur ein Zuckerl sein?", fragt Gisela Hoffmann. Und stellt gleich klar: "Nein, nein sie sollte schon viel mehr sein!"

Kulturrucksack für Hauptschulen
Nur ein Zuckerl? Nein, viel mehr!
Eva Kettler
24.05.2012
Nürnberger Zeitung

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